Treibgut – Freya Jüptner
Zwischen sinkenden Fangquoten, einem zwielichtigen Angebot und einer wiederkehrenden Jugendfreundin gerät Femkes Existenz als Küstenfischerin ins Wanken – ein Roman über Pflicht, Schuld und die raue See vor Rügen.
Zwei Frauen, zwei Leben, eine Entscheidung
Wenn die Existenz am seidenen Faden hängt.
Seit dem Schlaganfall ihres Vaters führt Femke das Fischereiunternehmen der Familie allein. Doch die Quoten sinken, die Kosten steigen, und der alte Kutter Louise sowie die Pflege ihres Vaters zehren an ihren letzten Reserven. Femke steht vor dem Ruin – bis ein zwielichtiger Geschäftsmann ihr ein Angebot macht, das ihre moralischen Grundsätze ins Wanken bringt.
Als plötzlich Sonja, ihre Jugendfreundin und einst engste Vertraute, nach Jahren wieder in Freest auftaucht, bricht die Vergangenheit mit aller Wucht über Femke herein. Sonja – mittlerweile Kapitänin auf großen Yachten und mit einer eigenen Agenda – ist der einzige Mensch, der Femke in dieser ausweglosen Lage wirklich helfen könnte.
Zwischen illegalen Touren auf der Ostsee, einer verzweifelten Suche nach einer Lösung für den pflegebedürftigen Vater und einer zerbrechenden Freundschaft muss Femke sich entscheiden, was ihr wichtiger ist.
Eine packende Geschichte über Pflicht, Schuld und die raue See vor Rügen.
Nachgefragt bei Freya Jüptner
Was ist der zentrale Kern deines Buches – und worum geht es dir dabei besonders?
Dem Roman ist das Zitat „Jeder Mensch hat seinen Preis“ vorangestellt. Darin liegt für mich der Kern der Geschichte: Wann überschreitet ein Mensch seine persönliche rote Linie, wie verschiebt sich diese Grenze – und womit rechtfertigt er es vor sich selbst?
Wichtig ist mir der ungeschönte Blick auf maritime Berufe. Küstenfischerei bedeutet nicht nur Kutter, Möwen und Sonnenaufgänge, sondern Kälte, Schlafmangel, verletzte Hände, unsichere Fänge, hohe Kosten und immer engere Quoten. Auch Ausbildungs- und Berufsskipper tragen rund um die Uhr Verantwortung für Schiff und Besatzung. Sie sind zugleich Ausbilder, Sicherheitsbeauftragte, Psychologen und Krisenmanager.
Darunter liegt die Geschichte einer Gesellschaft, die nach der Wiedervereinigung ihre vertrauten Strukturen verlor. Als Femke und Sonja 1989 ihre Zeugnisse erhielten, glaubten sie, die Ostsee stehe ihnen offen. Fünfzehn Jahre später kämpfen beide noch immer mit den Folgen des Umbruchs. Die DDR verschwand politisch sehr schnell; die Menschen konnten sich nur wesentlich langsamer an die neue Wirklichkeit anpassen.
Wie ist die Idee zu deinem Buch entstanden, und was hat dich beim Schreiben besonders inspiriert?
Die Idee zu „Treibgut“ ist aus meiner eigenen Geschichte entstanden. Ich bin gelernte Fischerin und im Herzen bis heute eine geblieben. Ich kenne die Arbeit an Bord, die Kälte, den Schlafmangel, die zerschnittenen Hände und die Unsicherheit, ob sich eine Fahrt am Ende überhaupt rechnet. Gleichzeitig habe ich miterlebt, wie eine Fischerei, die früher ganze Familien und Küstenorte ernährte, immer weiter verschwand. Heute können nur noch wenige Menschen tatsächlich von ihr leben.
Später war ich zwölf Jahre lang mit großer Leidenschaft als Segellehrerin und Berufsskipperin auf Yachten tätig. Doch auch das ist ein Gewerbe, von dem nur wenige dauerhaft ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Nach außen wirken solche Törns oft wie Urlaub und Abenteuer. Kaum jemand sieht die langen Arbeitstage, die Verantwortung für unerfahrene Besatzungen oder die vielen Rollen, die ein Skipper gleichzeitig übernehmen muss. Jeden Tag begegnete mir, wie wenig über diesen Beruf und seine Anforderungen bekannt ist.
Aus diesen beiden Erfahrungen entstand der Wunsch, Küstenfischern und Berufsskippern eine gemeinsame Geschichte zu geben. Die Thrillerhandlung entwickelte sich aus der Frage, wie weit Menschen gehen, wenn ihre Arbeit zwar ihr Leben und ihre Identität bestimmt, sie aber kaum noch ernähren kann.
Vorpommern war dafür der natürliche Schauplatz. Die Region ist von Fischerei, Seefahrt und den Folgen der Wiedervereinigung geprägt, wird jedoch häufig nur als Urlaubskulisse wahrgenommen. Ich wollte den Menschen dort, ihren Berufen und ihrer Lebenswirklichkeit eine Bühne bieten – ehrlich, respektvoll und ohne maritime Romantik, wo sie nicht hingehört.
Was sollen die Leserinnen und Leser nach der letzten Seite aus deinem Buch mitnehmen?
Ich möchte den Leserinnen und Lesern keine fertige Moral vorgeben. Ich wünsche mir vielmehr, dass sie nach der letzten Seite genauer hinsehen und Menschen nicht vorschnell nach einzelnen Entscheidungen beurteilen. Verständnis bedeutet dabei nicht, jedes Handeln gutzuheißen. Es bedeutet, die Umstände zu erkennen, unter denen Menschen handeln.
Vielleicht sehen sie künftig hinter einem Fischkutter nicht nur maritime Folklore und hinter einer Ausbildungsyacht nicht nur Urlaub. Dort arbeiten Menschen mit Erfahrung, Können und großer Verantwortung, deren Leistung oft unsichtbar bleibt. Wenn der Roman dazu beiträgt, diese Arbeit bewusster wahrzunehmen und zu würdigen, hat er bereits viel erreicht.
Vor allem soll die Geschichte aber eine persönliche Frage hinterlassen. Es ist leicht, bei anderen eine überschrittene Grenze zu erkennen und zu sagen: „Das würde ich niemals tun.“ Ehrlicher und unbequemer ist die Frage: Wo verläuft meine eigene rote Linie – und was müsste geschehen, damit auch sie sich verschiebt?
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