Rezension: Schöne alte Welt – Joan Fidelis

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Dystopischer Roman: Der Strom ist fort, die Wörter sind geblieben – und haben sich in etwas Fremdes verwandelt. Joan Fidelis erzählt den Untergang nicht als Feuerwerk, sondern als Nachhall, hundert Jahre danach. Rezension von Joss Keel.

Schoene alte Welt - Joan Fidelis
Schöne alte Welt von Joan Fidelis

Ein dystopischer Roman über Sprache, Erinnerung und Ordnung nach dem Untergang – Rezension von Joss Keel zu Schöne alte Welt von Joan Fidelis.

Der Strom ist fort, die Wörter sind geblieben – und sie haben sich, wie Fundstücke aus einem Fluss, in etwas Fremdes verwandelt. „Kilowatt“ heißt jetzt Unsinn, „trumpen“ heißt betrügen – der reinste semantische Schrottplatz. Eine schöne Erfindung von Joan Fidelis‘ „Schöne alte Welt“: Das Buch erzählt den Untergang nicht als Feuerwerk, sondern als Nachhall, hundert Jahre danach, im Nieselregen über einem niedersächsischen Acker.

Fidelis schreibt dicht am Ohr, fast ausschließlich in Dialogen – ein Dorf als Echokammer, in der jede geflüsterte Ketzerei ihren Denunzianten findet. Die Anlage ist klassisch: Der Fremde kommt ins Dorf, und das Dorf hält es nicht aus. Doch der Roman ist zu klug für die naheliegende Fabel. Wer aufbricht, tauscht nicht Dunkelheit gegen Licht, sondern eine Ordnung gegen die nächste. Der „Leuchtturm des Südens“, das leuchtende Ziel aller Fluchten, empfängt seine Ankömmlinge mit Registrierung, Namensschild und Schichtplan; die Utopie riecht nach Waschküche und Werkshalle. Beide Lager, das kathartisch-fromme und das fortschrittsfromme, brauchen ihre Ketzer.

Nicht alles kann gelingen: Bei rund 175.000 Wörtern und einem Personal, das leicht ein Dutzend Stimmen überschreitet, franst der Mittelteil ein wenig aus. Einiges davon hat mich nicht so gefesselt.

Was bleibt, ist stärker als die Schwächen: die Ahnung, dass Zivilisation kein Besitz ist, sondern eine Botschaft, die weitererzählt werden muss.

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