Wenn Kinder Kindern vorlesen: Kann Leseförderung so besser funktionieren?

0

Erstklässler lesen Kindergartenkindern vor – und werden dabei selbst sicherer im Lesen. Ein ausgezeichnetes Leseförderprojekt zeigt, wie Kinder nicht nur Zuhörer, sondern selbst Vermittler von Geschichten werden können. Kann dieser Rollenwechsel die Lust am Lesen stärken?

Wenn Kinder Kindern vorlesen

Foto: KI-generiert

Leseförderung wird oft mit Erwachsenen verbunden, die Kindern Geschichten vorlesen. Doch ein aktuelles Projekt aus der Schweiz dreht dieses Prinzip ein Stück weit um: Kinder, die gerade selbst lesen gelernt haben, lesen jüngeren Kindergartenkindern vor. Das Konzept wurde Anfang September mit einem erstmals vergebenen Leseförderpreis ausgezeichnet. Dabei geht es nicht nur darum, den jüngeren Kindern Geschichten näherzubringen. Auch die älteren Kinder sollen durch das Vorlesen ihre eigene Lesefähigkeit und ihr Selbstvertrauen stärken.

Der Ansatz ist interessant, weil er Leseförderung nicht nur als Übung versteht, sondern als soziale Erfahrung. Wer einem jüngeren Kind vorliest, übernimmt Verantwortung. Plötzlich geht es nicht mehr allein darum, einen Text fehlerfrei zu bewältigen. Die Geschichte soll verständlich und spannend vermittelt werden. Genau dieser Rollenwechsel kann Lesen einen neuen Sinn geben.

Vom Üben zum Erzählen

Gerade in den ersten Schuljahren ist Lesen häufig mit Anstrengung verbunden. Wörter müssen entschlüsselt, Sätze flüssig zusammengesetzt und Bedeutungen verstanden werden. Wer dabei noch unsicher ist, erlebt Lesen leicht als Aufgabe, die bewertet wird.

Beim Vorlesen für jüngere Kinder verändert sich die Situation. Das ältere Kind wird selbst zum Vermittler. Es liest nicht für eine Lehrkraft oder für eine Note, sondern für jemanden, der die Geschichte hören möchte. Aus einer schulischen Fähigkeit wird damit eine Form von Kommunikation.

Das ausgezeichnete Projekt setzt genau darauf: Erstklässlerinnen und Erstklässler werden zu kleinen Lesebotschaftern und lesen Kindergartenklassen vor. Damit soll nicht nur bei den jüngeren Kindern Interesse an Geschichten geweckt, sondern zugleich das Selbstvertrauen der Vorlesenden gestärkt werden.

Vorlesen wirkt schon lange vor dem ersten eigenen Buch

Dass Vorlesen eine wichtige Grundlage für spätere Lesekompetenz schafft, ist gut untersucht. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, verfügen im Durchschnitt über einen größeren Wortschatz, lernen leichter selbst lesen und entwickeln häufiger Freude am Umgang mit Texten.

Gleichzeitig zeigt der Vorlesemonitor, dass diese Erfahrung keineswegs selbstverständlich ist. 2024 wurde rund 32 Prozent der ein- bis achtjährigen Kinder in Deutschland selten oder nie vorgelesen. Besonders häufig fehlten regelmäßige Vorleseerfahrungen in Familien mit formal niedrigerem Bildungsniveau.

Leseförderung außerhalb des Elternhauses kann deshalb eine wichtige Ergänzung sein. Kindergarten, Schule, Bibliothek oder Buchhandlung können Kindern Begegnungen mit Geschichten ermöglichen, die sie zuhause möglicherweise nicht regelmäßig erleben.

Kinder als Vorbilder

Der besondere Reiz des Vorlesens unter Kindern liegt darin, dass die Rollen näher beieinanderliegen.

Ein Erstklässler ist für ein Kindergartenkind kein weit entfernter Erwachsener. Er hat selbst erst vor kurzer Zeit begonnen, lesen zu lernen. Dadurch kann eine andere Form der Identifikation entstehen: Lesen wird sichtbar als Fähigkeit, die erreichbar ist.

Für das vorlesende Kind wiederum kann die Erfahrung motivierend sein. Wer merkt, dass andere zuhören, lachen oder gespannt auf die nächste Seite warten, erlebt unmittelbar, wozu Lesen gut sein kann.

Der Erfolg besteht dann nicht nur darin, ein Wort richtig ausgesprochen zu haben, sondern darin, eine Geschichte verständlich weitergegeben zu haben.

Selbstvertrauen kann ein Teil der Leseförderung sein

Lesekompetenz entwickelt sich nicht ausschließlich durch technische Übungen. Motivation spielt eine wichtige Rolle.

Kinder, die sich selbst für schlechte Leser halten, vermeiden das Lesen eher. Wer dagegen positive Erfahrungen macht, greift eher wieder zu einem Text. Genau deshalb kann das Vorlesen vor einem kleinen, wohlwollenden Publikum hilfreich sein.

Dabei muss nicht jedes Wort perfekt sitzen. Entscheidend ist, dass das Kind die Erfahrung macht: Ich kann etwas, das für andere interessant ist.

Das kann besonders für Kinder wertvoll sein, die beim klassischen Vorlesen im Unterricht unter Leistungsdruck geraten.

Auch die Zuhörer profitieren

Für Kindergartenkinder wiederum kann das Vorlesen durch ältere Kinder einen niedrigschwelligen Zugang zu Büchern schaffen.

Geschichten werden nicht mit Unterricht verbunden, sondern mit einer gemeinsamen Situation. Gleichzeitig sehen die jüngeren Kinder, dass Lesen keine Fähigkeit ist, die nur Erwachsene beherrschen.

Das kann Neugier erzeugen: Wer heute zuhört, möchte vielleicht bald selbst lesen können.

Damit entsteht im besten Fall ein Kreislauf. Kinder erleben zunächst Geschichten als Zuhörer, lernen später selbst lesen und geben diese Erfahrung wiederum an jüngere Kinder weiter.

Interessanterweise zeigen auch langfristige Untersuchungen zum Vorlesen einen ähnlichen Effekt innerhalb von Familien: Erwachsene, denen als Kinder vorgelesen wurde, lesen ihren eigenen Kindern später deutlich häufiger selbst vor.

Leseförderung braucht mehr als eine Methode

Das Modell sollte allerdings nicht als einfache Lösung für alle Probleme der Lesekompetenz verstanden werden.

Kinder brauchen weiterhin systematischen Leseunterricht, geeignete Bücher, Unterstützung bei Schwierigkeiten und genügend Zeit zum Üben. Ein Vorleseprojekt kann diese Grundlagen nicht ersetzen.

Seine Stärke liegt vielmehr darin, einen anderen Zugang zu schaffen. Lesen wird dabei mit Gemeinschaft, Verantwortung und Anerkennung verbunden.

Gerade darin könnte der Ansatz besonders wertvoll sein: Leseförderung funktioniert möglicherweise besser, wenn Kinder nicht ausschließlich Empfänger pädagogischer Angebote sind, sondern selbst aktiv werden.

Lesen als gemeinschaftliche Erfahrung

Die Diskussion über sinkende Lesekompetenz konzentriert sich häufig auf Defizite: Kinder lesen zu wenig, verbringen zu viel Zeit an Bildschirmen oder besitzen zu wenig Bücher. Solche Probleme sind real. Doch allein mit Warnungen entsteht noch keine Lesefreude.

Projekte, bei denen Kinder selbst Geschichten weitergeben, setzen an einer anderen Stelle an. Sie machen Lesen sichtbar als etwas, das Menschen miteinander verbindet.

Vielleicht liegt darin eine wichtige Erkenntnis für die Leseförderung: Ein Kind muss nicht nur lernen, wie man liest. Es sollte möglichst früh erleben, warum Lesen Freude machen kann.

Wenn ein Kind einem jüngeren Kind eine Geschichte vorliest und merkt, dass jemand gespannt zuhört, kann genau diese Erfahrung entstehen.

Quellen und Links

  • BuchMarkt, 1. September 2026 – Bericht über das ausgezeichnete Leseförderprojekt: Zur Quelle
  • Börsenblatt, 1. September 2026 – Hintergrund zum Leseförderprojekt: Zur Quelle
  • Stiftung Lesen – Vorlesemonitor und Forschungsergebnisse zur Bedeutung regelmäßigen Vorlesens: Zur Quelle
  • Stiftung Lesen – Ergebnisse des Vorlesemonitors 2024: Zur Quelle
Teilen: W f 𝕏 P
📬 Verpasse keine neue Buchvorstellung. Newsletter abonnieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert