Vom Selfpublishing zum Großverlag: Entsteht ein neues Modell für Autoren?
Mit Simon Stream startet ein Großverlag ein digital ausgerichtetes Imprint, das gezielt erfolgreiche Selfpublisher und offene Manuskripteinreichungen anspricht.
Selfpublishing und klassische Verlagsveröffentlichung galten lange als zwei weitgehend getrennte Wege. Unabhängige Autorinnen und Autoren schätzten vor allem die schnelle Veröffentlichung, die Kontrolle über ihre Bücher und den direkten Kontakt zur Leserschaft. Verlage boten dagegen Lektorat, Marketing, Vertrieb und internationale Rechteverwertung.
Mit dem neu gegründeten Imprint Simon Stream versucht Simon & Schuster UK and International nun, Elemente beider Modelle miteinander zu verbinden. Das digital ausgerichtete Programm richtet sich ausdrücklich auch an Autorinnen und Autoren, die bereits im Selfpublishing erfolgreich sind. Gleichzeitig können Manuskripte über ein offenes Einreichungsportal ohne vorherige Vermittlung durch eine Literaturagentur angeboten werden.
Verlage suchen nach bereits erprobten Stoffen
Für Verlage sind erfolgreiche Selfpublishing-Titel besonders interessant. Sie haben häufig bereits bewiesen, dass es für ihre Themen, Genres oder Figuren ein Publikum gibt. Verkaufszahlen, Bewertungen und Reaktionen in sozialen Netzwerken liefern Hinweise darauf, welche Stoffe bei Leserinnen und Lesern funktionieren.
Das wirtschaftliche Risiko einer Übernahme kann dadurch geringer sein als bei einem völlig unbekannten Debüt. Gleichzeitig verfügen viele unabhängige Autoren bereits über eine eigene Leserschaft, Newsletter oder Social-Media-Kanäle.
Zu den ersten von Simon Stream angekündigten Projekten gehört eine fünfteilige Cosy-Crime-Reihe des Autors Jack Gatland, der sowohl im traditionellen Verlagswesen als auch im Selfpublishing veröffentlicht hat. Seine bisherigen Bücher erreichten nach Angaben des Verlags eine hohe Nutzung über Kindle Unlimited.
Schneller veröffentlichen, internationaler vertreiben
Simon Stream will englischsprachige Bücher gleichzeitig international und in mehreren Formaten veröffentlichen. Genannt werden Taschenbuch, E-Book und Hörbuch. Der Schwerpunkt liegt auf publikumsnaher Unterhaltungsliteratur. Für offene Einreichungen werden derzeit unter anderem Krimis, Thriller, Liebesromane, historische Romane und Fantasy gesucht.
Das Imprint verspricht eine schnellere und stärker datenorientierte Arbeitsweise als viele klassische Verlagsprogramme. Gleichzeitig sollen Autoren von professioneller redaktioneller Betreuung, digitalem Marketing und der internationalen Vertriebsstruktur eines Großverlags profitieren.
Bei E-Books werden nach Angaben von Publishers Weekly 50 Prozent der Nettoerlöse als Honorar angeboten. Das liegt über den dort genannten, im traditionellen Verlagsbereich häufig anzutreffenden 25 Prozent. Welche Konditionen für gedruckte Bücher, Hörbücher oder Nebenrechte gelten, hängt jedoch vom jeweiligen Vertrag ab.
Kein klassischer Hybridverlag
Der Begriff „Hybrid-Imprint“ kann missverständlich sein. Simon Stream verbindet zwar Eigenschaften des Selfpublishings mit Leistungen eines klassischen Verlags. Nach den bisher veröffentlichten Angaben handelt es sich aber nicht um ein Modell, bei dem Autoren für Lektorat, Herstellung oder Veröffentlichung bezahlen.
Der Verlag spricht vielmehr von der Akquisition und Veröffentlichung ausgewählter Manuskripte. Damit ähnelt das Angebot grundsätzlich einem traditionellen Verlagsmodell – allerdings mit digitalem Schwerpunkt, offener Einreichung und Konditionen, die gezielt für erfahrene Indie-Autoren attraktiv sein sollen.
Diese Abgrenzung ist wichtig. Bei sogenannten Zuschuss- oder Dienstleistungsverlagen tragen Autoren häufig einen Teil der Veröffentlichungskosten selbst. Ein klassischer Verlag übernimmt dagegen das wirtschaftliche Risiko und verdient durch den Verkauf der Bücher.
Was gewinnen Selfpublisher – und was geben sie ab?
Für unabhängige Autorinnen und Autoren kann ein solches Modell neue Möglichkeiten eröffnen. Ein Verlag kann Bücher in Märkte bringen, die im Alleingang nur schwer erreichbar sind. Dazu gehören der stationäre Buchhandel, internationale Ausgaben, Hörbuchproduktionen und professionelle Rechteverkäufe.
Im Gegenzug müssen Autoren üblicherweise einen Teil ihrer Entscheidungsfreiheit abgeben. Titel, Cover, Erscheinungstermin, Preisgestaltung und Vermarktung werden nicht mehr allein bestimmt. Auch die Nutzungsrechte werden für einen vereinbarten Zeitraum und bestimmte Formate an den Verlag übertragen.
Ob der Wechsel sinnvoll ist, hängt deshalb nicht nur von der Höhe des Honorars ab. Entscheidend sind der konkrete Vertrag, die eingeräumten Rechte, die Laufzeit, die Rückfallklauseln und die tatsächlich zugesagten Verlagsleistungen.
Ein Modell mit Zukunft?
Simon Stream ist zunächst ein englischsprachiges internationales Programm. Ob vergleichbare Imprints künftig auch im deutschsprachigen Raum entstehen, lässt sich derzeit nicht sicher sagen.
Die Gründung zeigt jedoch, dass Selfpublishing von großen Verlagen nicht mehr nur als Konkurrenz betrachtet wird. Es entwickelt sich zunehmend zu einem Talent- und Testmarkt, auf dem Autoren, Reihen und Genres früh sichtbar werden.
Die Grenzen zwischen unabhängigem und traditionellem Publizieren könnten dadurch durchlässiger werden. Erfolgreiche Selfpublisher müssen sich künftig möglicherweise nicht mehr dauerhaft für einen einzigen Veröffentlichungsweg entscheiden. Stattdessen könnten einzelne Reihen, Formate oder Sprachmärkte unterschiedlich ausgewertet werden.
Für Autoren erweitert das die Möglichkeiten – macht aber eine sorgfältige Prüfung jedes Angebots umso wichtiger.